Haben Tauchzertifizierungen überhaupt noch einen Wert?

  • am 21.07.15
  • von Alex
Wenn man häufig in Deutschland oder auch im Urlaub tauchen geht, dann stößt man schnell auf die Frage “Wo hat der denn tauchen gelernt?”. Man kommt ins Zweifeln, ob die vorgezeigte Zertifizierung auch den tatsächlichen Fähigkeiten entspricht. Was sind Tauchzertifizierungen heute also überhaupt noch wert?
Foto: Tauchzertifizierungen

Dabei gibt es zwei Kategorien: 1. Diejenigen, die zum Teil sehr gut tauchen können, aber nach der Anfänger-Zertifizierung (OWD, CMAS* usw.) nicht weitergemacht haben und 2. (die, die eher auffallen) diejenigen, die eine hohe Zertifizierung vorweisen können, aber im Wasser oft bei einfachen Dingen Defizite aufweisen. Dazu zählen zu allerst Luftverbrauch, Tarierung und Navigation. Alles Punkte, die man nur durch kontinuierliches Training verbessern kann.

Nachfolgend ein paar Überlegungen zu den möglichen Ursachen für die Situation und vielleicht finden sich hier auch Gründe für die Kategorie-1-Taucher?

Zeit ist Geld

Ein beliebtes Argument gegen die Ausbildung im Urlaubsland ist die Qualität und die zur Verfügung stehende Zeit, da die Tauchschulen dort “ja nur schnell fertig werden wollen, um den nächsten Kurs, Tauchgang oder Ausrüstung zu verkaufen”. Auch wenn ein Kurs in der Heimat aus mehreren Gründen von Vorteil ist, hat man die gleichen Probleme auch hier: Bei Anfängerkursen ist der Aufwand hoch, der Ertrag jedoch gering. Geld kann man erst hinterher beim Ausrüstungsverkauf oder eher noch bei Fortgeschrittenenkursen verdienen. Bleibt also nur die Zeit auf ein Minimum zu reduzieren oder mit möglichst vielen Schülern gleichzeitig ins Wasser zu gehen (was dank eines hohen vorgegebenen Lehrer-Schüler-Verhältnisses ohne Probleme möglich ist).

Geiz-ist-geil-Mentalität

Die Bereitschaft in unserer Gesellschaft für gute Qualität auch einen angemessenen (hohen?) Preis zu bezahlen ist gering. Auch beim Tauchen, nicht umsonst sind die Preise gerade für die Anfängerausbildung im Keller und Rabatt-Portale wie Groupon & Co. blühen. Sehr zum Leidwesen der gesamten Tauchbranche und der Qualität. Ganz ehrlich: Bei Billig-Angeboten kann man auch nur Billig-Ausbildung erwarten. Leider kann man auch das immer wieder beobachten.

“Tauchen lernen in 3 Tagen!”

Erst vor kurzem wieder in einer Facebook-Gruppe gesehen. Klar gibt es Anfänger, die es aus den unterschiedlichsten Gründen gleich drauf haben, aber das ist nicht die Regel. Was können die anderen also von solchen Schnell-Schnell-Kursen erwarten? Eine fundierte Ausbildung inkl. dem Eingehen auf individuelle Defizite ist in drei Tagen kaum möglich. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit neben Pool- und Freiwasserausbildung auch die Theorie gepaukt werden muss. Da trifft es sich gut, dass diese ohnehin immer mehr ins Selbststudium abgeschoben wird. Der geringe zeitliche Aufwand kommt aber der Kundengruppe von davor entgegen: Neben wenig Geld möchten viele auch gleich noch wenig Zeit investieren.

Absolvieren von Kursen unter einfachen Bedingungen

Tauchgangsbedingungen sind nicht überall gleich und man muss mit dem, was man vorfindet, arbeiten. Dabei machen die Bedingungen viel aus. Sind sie gut, gehen Übungen leichter von der Hand und der Stresslevel ist geringer. Bei 50 m Sicht zu allen Seiten ist der Navigationskurs auch leichter zu bestehen als bei nur 1 m. Man kommt unter beiden Bedingungen zum Ziel - doch verfügt man am Ende über das gleiche Können? Da die Vorgaben hier sehr gering sind, muss man sich selber vorher überlegen, was einem langfristig mehr bringt.

Welches Specialty hätten S’ denn gern?

Die Informations- und Lern-Häppchen für den Kunden werden immer kleiner, die Vielzahl an extra zu bezahlenden Spezialkursen immer größer. Und das nicht nur bei den großen kommerziellen Tauchorganisationen. Neben Shark Diver, Ausrüstungskursen oder Fischidentifikation kann man seine Lust an der Weiterbildung und dem Sammeln von Tauchscheinen fürs Ego mit einer Vielzahl unterschiedlichster Disziplinen stillen. Ganz bunt wird es mit lokalen Eigenkreationen wie "Schildkrötentauchen", "Lionfish Tracker" oder ähnlichem. Das Schlimme ist, dass das auf alle Verbände umgreift. Doch was bringen diese Kurse, außer Geld für die Tauschschulen, weil man z. T. Basiswissen in Einzelkurse verpackt hat?

Fragwürdige Kombinationen für nächste Erfahrungsstufe möglich

Der Spielraum bei der Ausbildung ist relativ groß. Deutlich wird das z.B. beim AOWD von SSI. Für diese Erfahrungsstufe muss man lediglich 4 Specialty-Programme und 24 Tauchgänge absolviert haben. Die Kurse kann man selbst bestimmen, beispielsweise Shark Diver, Boat Diving, Digital Underwater Photography und Perfect Buoyancy, bei denen man nicht mal für alle einen Freiwassertauchgang machen müsste (3+4 auch im Pool möglich). Dafür bekommt man dann eine Fortgeschrittenen-Zertifizierung, erwartbare Fertigkeiten beispielsweise in Nacht- oder Tieftauchgängen sowie in der Navigation fehlen. Auch die Hürde von 24 absolvierten Tauchgängen ist sehr niedrig, man kann den AOWD also schon kurz nach dem OWD machen. Fortgeschritten = ?

Von 0 auf 100

Ganz schlimm finde ich ja, wie schnell man vom Anfänger zum Tauchlehrer aufsteigen kann.

Durch die geringen Anforderungen ist es leider ohne viel Aufwand möglich, in wenigen Monaten vom Nicht-Taucher zum Ausbilder zu werden. Erfahrung in unterschiedlichen Situationen ist kaum vorhanden, teilweise ist sogar der Luftverbrauch noch exorbitant groß. Wie soll solch' ein Mensch andere Leute Unterwasser führen oder gar zu sicheren oder verantwortungsbewussten Tauchern machen. Kann das gutgehen? Ist das vielleicht sogar der Ausgangspunkt aller Probleme?

Fazit

Eine grundlegende Fehlkonzeption im System ist die Annahme, dass abgeschlossene Kurse und Zertifizierungen mit Erfahrung gleichzusetzen sind. Aber gerade das wird von den Organisationen ja suggeriert: Je mehr Kurse du machst, desto erfahrener bist du. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Doch gerade in einem Sport, bei dem es stark auf eine gute Ausbildung und eine gesunde Einstellung zu den eigenen Fähigkeiten ankommt, kann eine Selbstüberschätzung schnell zu einer Gefahr für sich und andere werden.

Tauchzertifizierungen sind nicht per se schlecht, doch wie man anhand der oben aufgeführten Punkte sehen kann, sollte man sich nicht zu sehr auf sie verlassen sowie Kurse und deren Wert realistisch einschätzen. Vertraue nie auf auf Plastikkärtchen oder das Gehabe eines unbekannten Tauchpartners, es sagt nicht unbedingt etwas über sein Können aus, sondern sie sind höchstens ein Anhaltspunkt.

In weiteren Artikeln werde ich auf mögliche Änderungen im System und auf Punkte, auf die jeder einzelne achten kann, eingehen.

 

Was ist eurer Meinung nach der Grund für dieses starke Auseinanderklaffen von Zertifizierung und Realität?

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Kommentare

in dem Artikel steckt leider viel traurige Wahrheit...  ein Brevt bedeutet noch lange nicht können!!!

nicht nur im südlichen Ausland werden Brevets "verkauft", d.h. Durch bezahlung und Überleben der TG ist man dann automatisch brevetiert.

leider bringen solche Tauchbasen und TL die ganze Branche in Verruf, ganz besonders diejenigen, die sich wirklich Mühe geben mit Ihren Schülern, in Kleinstgruppen lehren und auf die Schüler eingehen, und wenns mal nicht passt, auch eine Brevetierung verweigern. Ich kann mich guten Gewissens zu dieser Gruppe TL zählen, und diese Gruppe ist grösser, als man vermuten mag.

geiz ist geil? Nein, Qualität ist geil!!!  Auf Gozo hab ich heuer ne Werbung einer Tauchschule gesehen, hinter deren Slogan ich zu 100% stehe  : "we are not cheap, because YOU are worth it!!"

uch die Eingangsvorraussetzungen um TL zu werden ist erschreckend gering. Ich bin selbst TL und bei meiner IE hatte ich knapp 400tg und längst nicht alles gesehen - mit mir waren drei oder 4 Kandidaten, die gerademal die geforderten 100tg hatten..

Leider wahr, was du in dem Artikel geschrieben hast.

Besonders schlimm finde ich es, dass man bereits mit 100 Tauchgängen ohne Probleme zum Tauchlehrer werden kann. Und da muss man nicht mal den schein kaufen für. Wie soll so jemand denn ausreichend erfahrung besitzen um in brenzligen Situatonen ruhig blieben und richtig handeln zu können???

Einige Sachen aus dem Text kann sicher jeder unterschreiben aber ich kann ihm als Tauchlehrer trotzdem nicht ganz zustimmen. Die Ausbildung hängt doch maßgeblich von dem Tauchlehrer ab. Dieser bestimmt doch den Inhalt der Kurse und entscheidet eigenständig was er noch über den Standards hinaus für Informationen, Tipps & Tricks an seine Schüler weitergibt. Und auch nur er entscheidet ob ein Schüler den Kurs nach seinen Anforderungen am Ende bestanden hat oder auch nicht.

Hallo Torsten,
du hast sicher Recht, dass es im eigenen Ermessen des Tauchlehrers liegt, ob und wie weit er die vorgegebenen Ausbildungsstandards seines Verbands noch erweitert. Doch mal Hand aufs Herz: Ist das die Regel? Wohl nicht, oder? Deswegen sind die Verbände an dieser Stelle gefragt die Standards anzupassen und nicht immer zu propagieren, dass Tauchen "fun", "action" und "easy" ist.
Grüße
Alex

Torsten ich kenne leider viel zu viele Tauchlehrer bei denen man sich fragen muss wo sie ihren schein gemacht haben. So schlimm ist es teilweise, was man von ihnen überwasser zu hören und unterwasser zu sehen bekommt.

Und die meisten Tauchbuden können es sich doch gar nicht leisten mit ihren Schülern zig mal im Pool und/oder im See zu üben und dann auch noch extra Aufgaben über die Standards hinaus. Das passiert doch sehr sehr selten. Die wollen und müssen doch schließlich auch Geld verdienen. Also wird nur das gemacht was gefordert wird. Punkt.

Auch wenn sicher nicht alle Tauchlehrer so sind, so bleibe ich dabei, dass die Ausbildung zum größten Teil vom Tauchlehrer abhängt und viele Tauchlehrer nicht nur die Standards erfüllen sondern auch Kenntnisse darüber hinaus vermitteln.

Ich muss aber zugeben, dass du, Alex, recht hast mit deinem letzten Satz. Gerade die beiden Großen Verbände (und im Nachgang auch so langsam die anderen) tun alles um Tauchen massenkompatibel zu machen. An der ein oder anderen Stelle könnte da vielleicht durchaus nachgesteuert werdne.

@Frank:
Dann sollte man diese Tauchlehrer ihrem Verband melden. Es gibt doch überall Bewertungsabfragen, bei denen Tauchschüler ihre Ausbildung bewerten sollen. Da müsste doch so was auffallen, oder?
Oder schon bei der Ausbildung zum Tauchlehrer

Warum das oft bei der ausbildung nicht auffällt ist doch klar: Schau dir doch mal an wer am Ende die Tauchlehrer zertifiziert. Das sind meistens welche mit vielen hundert oder tausend tauchgängen, die schon sehr lange dabei sind und teilweise auch nicht unzufrieden sind, wenn sie nicht mehr mit ins wasser müssen. Und wenn es zwei dazu braucht, dann findet man auch zwei von der sorte. und schubs schon ist das Brevet ausgestellt. Ist sicher bei weitem nicht bei allen der Fall, aber ganz so selten dann doch wieder nicht. Leider.

Bin selber Tauchlehrerin in Ägypten (PADI und SSI) und kann von mir behaupten, dass ich meinen Schülern mehr abverlange als "nur" die Standards. Aber ich finde gar nicht mal, dass diese so schlecht sind. Sie bilden für mich einfach die Grundlage für meine Ausbildung. Und die kann ich dann frei weiter gestalten.

Muss aber zugeben, dass das hier (und sicher auch woanders) nicht alle so handhaben. Hatte hier auch diese Woche schon einige negativ Beispiele: Bei einem Tauchlehrer-Assi sollte man davon ausgehen, dass Maske ausblasen und Tarieren reibungslos klappen sollte - oder?

Grüße vom Roten Meer,
Mara

Da sieht man es ja. Tauchlehrer-Assistent und dann solche Probleme? Wo gibt es denn sowas? Kann doch eigentlich gar nicht sein, wenn die Standards so toll sind oder?!? Hätte er doch eigentlich kein Kärtchen erhalten dürfen?!? Oder war er vorher ewig nicht mehr tauchen, was das erklären könnte??

Tja...

die "Szene" zerstört sich selber. Der Preiswerteste gibt die Marschrichtung vor. Und egal wie er den besten Preis erreicht (O-Ton: OWD für € 199,00 ! Da kommen aber noch Lehrmittel und Brevetierungskosten dazu, was man gerne verschweigt), die "Kleinen" müssen irgendwie nachziehen. Und das geht dann halt nur indem man die Qualität abbaut.

Es ist ja im Allgemeinen bekannt, dass nicht allein der Verband ausschlaggebend für die Qualität der Ausbildung ist (Stichwort: Verbandsdisskussion), sondern die Qualität des Tauchlehrers und natürlich die Mühe = Zeit, die er sich nimmt. Aber wieviel Zeit = Geld kann er überhaupt noch investieren, wenn die Marschrichtung OWD = € 199,00 heißt !!!

Bei diesem Spiel kann man halt mitspielen oder nicht. Und mitgespielt wird spätestens dann, wenn hinter der Tauchschule noch ein Shop steht, mit Schaufenster, Verkäufer, Ladenmiete usw., der im schlimmsten Fall durch den Preiskampf der Onlineshops noch mit der Tauchschule subventioniert werden muss. Und fertig ist die Scheißausbildung.

Das hat nichts mit "fun" und "action" zu tun. Tauchen IST auch "fun" und "action"! Aber es bleibt auch ein Sport, der lebensgefährlich sein kann. Allein das wird schon zu selten vermittelt.

Ein Unding ist auch, dass derjenige der Ausbildet auch brevetiert. Das dürfte so nicht sein. Es gibt halt Tauchlehrer, denen reicht es aus, wenn der OWDler seine Maske ausblasen und einen kontrollierten Notaufstieg kann. Andere pochen zudem noch auf Trimm und Flossenschlag. Und dann wieder gibt es immer noch Tauchlehrer, die Wechselatmung üben und lehren. Insofern unterscheiden sich auch innerhalb eines Verbandes einige Ausbildungen fundamental. Von Scheiße bis Super ist da alles dabei.

Warum wird es nicht so gemacht, dass nur eine zentrale Stelle die Brevetierungen vornehmen kann? Millionen von Tauchschulen, aber EIN Dachverband, der die Prüfung abnimmt. Ähnlich der Führerscheinprüfung. Da sitzt der Fahrlehrer auch nur noch händchenhaltend auf dem Beifahrersitz und hat nix mehr zu sagen.

Nun gut, die Deutschen können ja trotzdem nicht Autofahren ;-) Warum sollten sie dann plötzlich tauchen können :-)

Aber Fakt ist, dass das System krankt. Es ist von Grund auf Scheiße aufgebaut. Es gibt so manch gescheiterte Existenz, die sich Taucher nennt und im Tauchturm 150 Tauchgänge macht und dann den Tauchlehrer... Wahnsinn...

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